PERMEABLE CONDENSATION
Hanne Darboven
Eda Aslan
Helena Uambembe
Jane Jin Kaisen
Simnikiwe Buhlungu
Hans Haacke
26. July – 23. August 2026
Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck

PERMEABLE CONDENSATION
Hanne Darboven
Eda Aslan
Helena Uambembe
Jane Jin Kaisen
Simnikiwe Buhlungu
Hans Haacke
26. July – 23. August 2026
Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck

Die Gruppenausstellung „Permeable Condensation“, die im kommenden Sommer in der Overbeck-Gesellschaft und der Kulturkirche St. Petri stattfindet, widmet sich auf vielschichtige Weise der An- und Abwesenheit von Wasser. Aus unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven werden die vielschichtigen Bedeutungen der Zwischenzustände von Wasser, seiner Kondensation und Abwesenheit beleuchtet. Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis zwischen Kontrolle und Unberechenbarkeit: Wasser als lebensspendendes Element, als Verbindung zwischen Welten, als politisch und ökologisch umkämpfte Ressource.
Die künstlerischen Arbeiten reflektieren sowohl materielle als auch symbolische Dimensionen dieser Wechselwirkung – ihrer Rolle als Träger von Erinnerung, als Grenze und Verbindung, als Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Im Wechselspiel von Trockenheit und Flut, Versiegen und Überfluss wird Wasser zur Metapher für größere ökologische und soziale Dynamiken. Die Werke untersuchen, wie Wasserlandschaften geformt, genutzt, verdrängt oder verteidigt werden – und welche Spuren diese Prozesse in Körpern, Städten und Erzählungen hinterlassen. In einer Zeit zunehmender klimatischer und geopolitischer Umbrüche zeigt die Ausstellung, wie Kunst neue Sichtweisen auf das Verhältnis von Mensch, Natur und Ressource eröffnet.
„Permeable Condensation“ lässt sich im Rahmen der Ausstellung sowohl als symbolische als auch als konkrete Metapher für den Umgang mit einem Element verstehen, das unser Leben prägt, gefährdet und formt. Die Stadt Lübeck selbst, auf Sand gebaut und von Wasser umgeben, steht exemplarisch für das fragile Gleichgewicht zwischen Land und Fluss, Geschichte und Veränderung. Wasser erscheint hier nicht nur als landschaftsprägendes Element, sondern als Träger von Geschichten, Emotionen und Transformationen.
Die künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung greifen dieses Spannungsverhältnis auf – etwa durch die Beobachtung von Pfützen als temporäre Spiegel der Umgebung, durch die Auseinandersetzung mit dem Naturphänomen der Kondensation, bei dem sich Unsichtbares als sichtbare Spur niederschlägt, oder durch das Sammeln von Tränen, das Wasser als körperliches und emotionales Medium erfahrbar macht.
„Permeable Condensation“ verweist so auf das Wasser in all seinen Aggregatzuständen – als Niederschlag, als Zeichen des Verschwindens, als Spur des Erlebten. Es steht für das Fließende, das Flüchtige, das Unsichere – und für die Notwendigkeit, genauer hinzusehen, bevor es versiegt.

Teilnehmende Künstler:innen:
Hanne Darboven (*1941 in München, †2009 in Hamburg)

Die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven gilt als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der Nachkriegszeit. In ihrer 1979 entstandenen Arbeit „Der Sand“ setzt sich Darboven mit der Materialität und Symbolik von Zeit auseinander – einem zentralen Thema ihres Gesamtwerks. Das Werk besteht aus 456 Blättern, auf denen sie mit ihrer charakteristischen Handschrift numerische Notationen, Wortfragmente und Wiederholungen kombiniert.
„Der Sand“ verweist auf die Vergänglichkeit und das Unaufhaltsame des Zeitflusses, ähnlich wie Sand, der durch die Finger rinnt. Gleichzeitig spielt das Werk mit Assoziationen von Landschaft, Erinnerung und Endlosigkeit. Die zeichnerisch-textliche Komposition entfaltet sich seriell und rhythmisch, fast musikalisch – eine stille Partitur der Zeit.
Darbovens Werk überschreitet die Grenzen traditioneller Kunstformen und verbindet Schreiben, Mathematik, Literatur und Geschichte zu einem komplexen System künstlerischer Selbstverortung. „Der Sand“ ist exemplarisch für ihren konzeptuellen Umgang mit Sprache und Zahlen als Mittel zur Strukturierung subjektiver wie kollektiver Erinnerung.

Eda Aslan (*1994 in Istanbul, lebt und arbeitet in Hamburg)
In Tear Containers wird Wasser – in Form von Tränen – zum Medium, das zwischen Ab- und Anwesenheit oszilliert: als körperlicher Ausdruck eines unsichtbaren Schmerzes, als Spur einer Erinnerung, die zugleich verloren und bewahrt ist. In ihrer neuesten Arbeit, widmet sich Eda Aslan einem Thema von leiser, aber tiefgreifender Dringlichkeit: der unsichtbaren Grenze zwischen der Türkei und Armenien – und den emotionalen Spuren, die sie hinterlässt. Unter dem Titel Tear Containers präsentiert Aslan eine Serie von handgefertigten Behältern, in denen sie symbolisch Tränen sammelt – als poetisches Archiv gelebter Trauer, als stilles Zeugnis für die Geschichten, die zwischen Nationalgrenzen, Schweigen und Generationen verloren gehen. Die Tränen stehen in ihrer Arbeit nicht nur für persönlichen Schmerz, sondern für die kollektive Erfahrung von Verlust, Trennung und Erinnerung. Sie verweisen auf Schicksale von Familien, deren Leben durch die politische und historische Abgrenzung zerschnitten wurde. In einer Zeit, in der diese Grenze offiziell zwar existiert, physisch aber kaum markiert ist, lenkt Aslan den Blick auf das Unsichtbare, das dennoch tiefe Wunden hinterlassen hat.

Sie studierte Bildhauerei an der Fakultät für Bildende Künste der Marmara Universität und erhielt ihren MA in der Abteilung für Malerei an derselben Institution. Derzeit setzt sie ihr MA-Studium im Time Based Media Program der Hochschule für Bildende Künste Hamburg - Hfbk Hamburg mit einem DAAD-Stipendium fort. Aslans individuelle und kollektive Projekte wurden durch verschiedene Stipendien unterstützt, darunter die Hamburger Projektförderung Förderung Bildende Kunst (2023), Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Kunststipendium (2022), SALT Research Funds (2018), SAHA Sustainability Fund (2021), Ihre Arbeiten wurden auf verschiedenen Plattformen ausgestellt, darunter das Jüdische Museum Franken, DEPO Istanbul, das Kunsthaus Hamburg, IASPIS, die 4. Mardin Biennale und der Kunstverein Harburger Bahnhof.
Helena Uambembe

Helena Uambembe (*1994, Pomfret) lebt und arbeitet in Berlin, setzt sich in ihrer Arbeit intensiv mit Fragen von Ressourcen, sozialer Ungleichheit und kultureller Identität auseinander. In ihrem improvisierten Glücksbrunnen verwendet sie einfache Materialien wie Ziegelsteine und Aluminiumschalen, um einen Kontrapunkt zu der oft pompösen und verschwenderischen Brunnenarchitektur europäischer Städte zu setzen.
Ihr Brunnen thematisiert die Realität des Wassermangels in Südafrika, wo Wasser keine Selbstverständlichkeit, sondern eine knappe und kostbare Ressource ist. Statt Prunk und Überfluss inszeniert Uambembe mit ihrem Werk den sparsamen Umgang und die Begrenztheit von Wasser als lebenswichtige Ressource. Der Glücksbrunnen wird so zum Symbol für den alltäglichen Kampf um Zugang zu Wasser und für die sozialen Spannungen, die aus dieser Knappheit entstehen.

Mit dieser Arbeit fordert Helena Uambembe einen bewussteren Umgang mit Wasser ein und regt dazu an, über globale Unterschiede im Zugang zu natürlichen Ressourcen nachzudenken. Gleichzeitig widersetzt sie sich mit einer ästhetischen Gegenposition den tradierten Symbolen von Reichtum und Überfluss, die in europäischen Stadtbildern oft verankert sind, und macht so soziale und ökologische Missstände sichtbar.

Jane Jin Kaisen

Jane Jin Kaisen (*1980 Jeju, Südkorea) ist eine südkoreanisch-dänische Künstlerin, die in ihren Arbeiten häufig Themen wie Erinnerung, Geschichte und Spiritualität mit einer besonderen Sensibilität für Naturphänomene verbindet. Auf der Insel Jeju untersucht sie in vier Videos das vielschichtige Verhältnis von Land und Meer sowie die Bedeutung von Wasser als kraftvollem und zugleich ambivalentem Element.
Der Film Halmang porträtiert acht Haenyeo, die traditionellen Taucherinnen Jejus, deren Leben vom ständigen Kommen und Gehen des Wassers geprägt ist. Dabei verwebt Kaisen spirituelle Rituale und feministische Perspektiven, um die tief verwurzelte Verbindung zwischen den Frauen, dem Meer und der Natur zu zeigen. Wasser ist hier sowohl Lebensquelle als auch symbolisches Bindeglied zwischen Mythos, Alltag und Widerstand.

Simnikiwe Buhlungu

Simnikiwe Buhlungu (*1995, Johannesburg) setzt sich in ihrem künstlerischen Werk auf sinnliche, konzeptuelle Weise mit dem Element Wasser auseinander – insbesondere durch das Motiv der Pfütze („puddle“) als Schnittstelle von Feuchtigkeit, Erinnerung und geographischer Verbindung.
In Puddle (2022) schafft Buhlungu eine skulpturale Arbeit aus Plastik und Harz, die eine Pfütze körperhaft erfahrbar macht. Die Pfütze wird hier nicht als Randerscheinung wahrgenommen, sondern zum fühlbaren Zeugnis von Niederschlag, Raum und Zeit – eine stille Präsenz, die viel erzählt: Über Meteorologie, Ortswechsel und die strukturelle Rolle des Wassers in unserer Welt. Die Pfützen kommunizieren durch Verdunstung: Das Wasser steigt auf, verändert die Luftfeuchtigkeit, aktiviert eigens gebaute Saiteninstrumente und verformt Holz, Ton und Papier. Der gesamte Raum wirkt wie ein sich atmendes, atmosphärisches Ökosystem – ein „integriertes Hygrometer“, das mit der Feuchtigkeit arbeitet, statt sie zu kontrollieren.

Hans Haacke

Hans Haacke (*1936 in Köln, lebt und arbeitet in New York) ist ein bedeutender Vertreter der Konzeptkunst und der sogenannten Systemästhetik. Seit den 1960er Jahren untersucht er in seinen Arbeiten ökologische, soziale und institutionelle Systeme. Dabei spielt das Element Wasser in seinem Werk eine zentrale Rolle – besonders deutlich wird dies in der Arbeit „Condensation Cube” (1963–1965).
Der Condensation Cube ist ein minimalistischer Plexiglaswürfel, in dem sich durch Temperaturunterschiede im Raum Wassertröpfchen an den Innenwänden bilden und wieder verdunsten. Dieses sich ständig verändernde physikalische Phänomen macht die zyklischen Prozesse von Verdunstung und Kondensation sichtbar – ein geschlossenes System, das ohne äußeren Eingriff funktioniert.
Die Arbeit verbindet wissenschaftliche Beobachtung mit poetischer Reduktion: Wasser wird hier nicht nur als Element dargestellt, sondern als Prozess. Haacke interessiert sich für die Bedingungen, unter denen Veränderung entsteht – ein Prinzip, das auch seinen späteren politisch motivierten Arbeiten zugrunde liegt. Der Condensation Cube ist damit mehr als ein ästhetisches Objekt: Er ist eine stille Studie über Klimazusammenhänge, Wahrnehmung und die Abhängigkeit von Umweltbedingungen – eine frühe künstlerische Reflexion über die Beziehung zwischen Natur, Systemen und Zeit.

Curation: Paula Kommoss


EXHIBITION PROGRAMM

PRESS

OPENING
Saturday, 25. July 2026,
Welcome, Christian Klawitter
Introduction, Paula Kommoss

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