Tirdad Hashemi
The slow rhythm of care
25. September 2026 – 17. Januar 2027
Overbeck-Gesellschaft

Tirdad Hashemi
The slow rhythm of care
25. September 2026 – 17. Januar 2027
Overbeck-Gesellschaft

Sie versammeln sich, halten einander, leisten Widerstand, legen Zeugnis ab – Körper stehen im Zentrum von Tirdad Hashemis Gemälden. Eingebettet in Szenen, die sich zwischen abstrakten Blumenlandschaften und brennenden Städten bewegen, bilden Hashemi’s Figuren körperliche Konstellationen, in denen sich emotionale und politische Narrative entfalten. Hashemi lädt die Betrachter:innen in eine intime, innere Welt ein, in der alltägliche Gesten und Begegnungen das Potenzial zur Selbstbestimmung in sich tragen.
In Acryl auf Leinwand ausgeführt, zeichnen sich Hashemi’s Gemälde durch sichtbare Pinselspuren und fließende Farbübergänge aus, die ihnen eine unmittelbare Wirkung verleihen. Locker gezeichnete Figuren vermitteln Offenheit und Verletzlichkeit, während gestische Setzungen Momente von Instabilität und bisweilen auch Gewalt in den Bildraum einführen. Anstatt singuläre oder lineare Erzählungen zu entwerfen, verweben die Gemälde Fragmente der Erinnerung mit der Gegenwart. Die Figuren erscheinen zugleich greifbar und im Auflösen begriffen, schwebend zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Selbst dort, wo Brüche hervortreten, bleibt der Bildraum offen für Veränderung: Ein weiterer Körper erscheint, Blumen beginnen zu wachsen, Szenen verschieben und überlagern sich.
In THE SLOW RHYTHM OF CARE richtet sich Hashemi’s Blick auf eine unmittelbare Gegenwart mit dokumentarischer Resonanz. Szenen des Protests rücken in den Vordergrund: Frauen auf den Straßen, aufrecht stehende Körper und Blicke, die sich weigern wegzusehen. Bilder von Gewalt durchdringen die Kompositionen – Motive wie angedeutete Galgen, Blutspuren und fragmentierte Körper verweisen auf eine gegenwärtige Realität, in der staatliche Repression und öffentliche Bestrafung eingesetzt werden, um Widerspruch und Dissens zu unterdrücken.
Hashemi reproduziert diese Bilder nicht – Hashemi überführt sie in eine visuelle Sprache, die unmittelbar körperlich erfahrbar ist. Die Szenen bleiben dabei fragmentarisch und widersetzen sich einer eindeutigen Interpretation. Motive, die das kollektive visuelle Gedächtnis geprägt haben – versammelte Körper im öffentlichen Raum, Gesten der Selbstermächtigung und im digitalen Raum geteilte Akte des Widerstands – treffen auf gelebte und erinnerte Erfahrung. Hashemi’s Arbeiten dokumentieren diese Vorlagen nicht im klassischen Sinne, sondern absorbieren und transformieren ihre emotionale und politische Aufladung. Vor dem Hintergrund der wiedererstarkten feministischen Proteste im Iran und insbesondere der Woman, Life, Freedom-Bewegung gewinnen die Gemälde eine zusätzliche Dringlichkeit. Die Rückeroberung des öffentlichen Raums findet ein Echo in Hashemi’s wiederkehrender Aufmerksamkeit für Körper, die stehen, sich formieren und ausharren. In Szenen, die von Angst und Vulnerabilität gezeichnet sind, wird die kollektive Präsenz selbst zu einer Form der Behauptung und zum Akt des Widerstands.
Die Körper in diesen Gemälden sind daher keine bloßen Zeug:innen von Repression, sondern Träger:innen von Solidarität. Sie berühren und schützen einander, konfrontieren und verharren. Zwischen Blut und Geste, Bedrohung und Beharrlichkeit, Intimität und kollektivem Handeln schafft Hashemi Bildräume, in denen das individuelle Leben und die politischen Kräfte untrennbar miteinander verwoben sind. Zugleich bestimmen diese Kräfte die dargestellten Körper niemals vollständig: Ihre Nähe zueinander eröffnet andere Möglichkeiten von Beziehung, Fürsorge und Selbstbestimmung.
Die Gemälde halten diese Erfahrungen präsent, ohne sie aufzulösen, und lassen Zärtlichkeit und Gewalt, private Erinnerung und kollektiven Widerstand, Bruch und Beharrlichkeit nebeneinander bestehen. Damit verweisen sie auf die ästhetischen und gesellschaftlichen Potenziale, die sich auch in dieser Gegenwart weiterhin eröffnen.

Kuratiert von Paula Kommoss


PROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG

Donnerstag, 24. September
18 Uhr, Begrüßung, Christian Klawitter, 1. Vorstandsvorsitzender
Einführung, Paula Kommoss, Direktorin und Kuratorin

19 Uhr, Dialogische Führung durch die Ausstellung mit Tirdad Hashemi
und Paula Kommoss

1  /  3