Vom Himmel Gefallen (DE)
2025
Vom Himmel Gefallen (DE)
2025
Eine Gruppe von Menschen schaut in den Himmel. Hoch oben zeichnet sich ein Vogelschwarm gegen das Licht ab, seine Bewegungen wirken chaotisch und doch wie Teil eines größeren Rhythmus. Plötzlich lösen sich einzelne Tiere aus der Formation, drehen sich mit geöffneten Flügeln rückwärts in die Tiefe, stürzen scheinbar haltlos, bevor sie sich fangen und wieder aufsteigen.
Die Gruppenausstellung VOM HIMMEL GEFALLEN, die im Sommer in der Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck zu sehen ist, knüpft an solche Bilder an - an Momente des Bruchs, des Kontrollverlusts, aber auch der Rückkehr und des Widerstands. Sie widmet sich auf vielschichtige Weise der Beziehung zwischen Mensch und Vogel - einem Verhältnis, das durchzogen ist von Widersprüchen: von Faszination und Vereinnahmung, von Nähe und Distanz, von Projektion und Realität.
Im Zentrum steht der tief verwurzelte Drang des Menschen, die Natur - und mit ihr die Tiere - zu ordnen, zu benennen und zu beherrschen. Gleichzeitig bleibt der Vogel ein Symbol des Unverfügbaren: ein Wesen der Lüfte, das sich der Schwerkraft entzieht. Gerade in dieser Spannung entfalten künstlerische Positionen der Ausstellung ihre Kraft. Sie machen sichtbar, wie Vögel in verschiedenen kulturellen und historischen Kontexten gelesen, verehrt, gejagt oder instrumentalisiert wurden -und welche Spuren diese Lesarten bis heute in unserem Umgang mit der Natur hinterlassen haben.
Die ausgestellten Werke eröffnen Perspektiven auf aktuelle ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen. Sie zeigen Vögel nicht nur als Symbole der Freiheit oder der Seele, sondern auch als stille Zeugen des Klimawandels, der Umweltzerstörung und der Entfremdung. In der Wechselwirkung zwischen Mensch und Vogel offenbart sich ein fragiles Verhältnis - eines, das in unserer Gesellschaft neu verhandelt werden muss.
Doch das Bild des fallenden Vogels ist mehr als nur eine düstere Mahnung. Es verweist auch auf einen Moment der Verletzlichkeit und auf die Möglichkeit, genauer hinzusehen. Die Kunstwerke der Ausstellung VOM HIMMEL GEFALLEN greifen diese Ambivalenz auf. Sie zeigen Vögel nicht nur als Opfer menschlicher Eingriffe, sondern auch als Wesen, die sich behaupten, die sich anpassen, die trotz aller Gefährdung weiter existieren - manchmal sichtbar, manchmal hörbar, wie ein ferner Ruf.
In vielen Arbeiten wird der Vogelzum Motiv, durch das gesellschaftliche und ökologische Themen verhandelt werden. Mal steht es als mythische Figur im Zentrum, mal als biologisches Subjekt, mal Projektionsfläche kultureller Sehnsüchte.
Die künstlerischen Perspektiven spannen dabei ein weites Feld auf: von der Auseinandersetzung mit kolonialen Sichtweisen auf Tier und Natur bis hin zu gegenwärtigen Fragen nach Artensterben, Migration und der Rolle des Menschen im ökologischen Gefüge.
So führt die Ausstellung nicht nur in die Lüfte sondern auch tief in die gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit. Sie fordert dazu auf, vertraute Bilder neu zu betrachten - und aufmerksam zu werden für das, was in Bewegung ist, was ins Wanken gerät und was bereits gefallen ist. Denn vielleicht liegt in der Beobachtung des Sturzes auch die Chance, eine neue Haltung zu entwickeln: achtsamer, verbundener, bereit Verantwortung zu übernehmen. VOM HIMMEL GEFALLEN ist damit nicht nur eine Reflexion über Beziehung zwischen Mensch und Vogel, sondern auch ein Angebot, die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen - und den Blick zu schärfen für das was über uns kreist.
Dieses Booklet erscheint anlässlich der Ausstellung
VOM HIMMEL GEFALLEN
Yalda Afsah, Maximiliane Baumgartner, Gerrit Frohne-Brinkmann, Richard Frater, Annika Kahrs, Almut Linde, Hemansingh Lutchmun
27. Juli - 31. August 2025
Texte: Paula Kommoss
Redaktion: Jess Clifford
Lektorat: Anne Levke Vorbeck
Korrektorat: Larissa Rohrbach, Talia Walther
Grafikdesign: Marius Schwarz